Kann Jeder laufen?

Gibt es den Läufertyp?

Laufanfänger unterliegen häufig dem Vorurteil gegen sich selbst, sie seien nicht „der Läufertyp“. Warum dies nicht zutrifft und jeder gesunde Mensch laufen kann, soll in diesem Artikel geklärt werden.

 

„Born to Run“

Die meisten Menschen laufen etwa ab ihrem ersten Lebensjahr. Die Beine sind nun mal die natürlichste Art der Beförderung. Es benötigt viel Zeit und Mühe, um vom aufrechten Stehen zu den ersten Schritten zu gelangen, geschweige denn zu laufen. Wenn diese Mühsal jedoch überwunden ist zeigt sich, dass besonders Kinder den ganzen Tag rennen und herumtoben können, scheinbar ohne müde zu werden.
Ein Schulterblick in unsere Evolutionsgeschichte zeigt, dass gerade der aufrechte Gang und die damit einhergehende Fähigkeit, ausdauernd über lange Strecken hinweg zu laufen, der menschlichen Gattung den Evolutionsvorteil gegeben hat, um sich weiter zu entwickeln und den Planeten zu erobern.
Mit dem technischen Fortschritt unserer Gesellschaft wurde diese Fähigkeit, welche in den Genen eines jeden Menschen steckt, immer seltener gebraucht. Heutzutage ist es in der modernen Welt kaum mehr notwendig, sein körperliches Potential auszuschöpfen. Darum sind wir große körperliche Belastungen im Allgemeinen nicht mehr gewohnt. Das heißt aber nicht, dass dieses Potential nicht mehr genutzt werden kann. Es muss nur aktiviert werden.

Laufen im Digitalzeitalter

Bei der Fähigkeit des Laufens stellt die Zeit, in der wir geboren sind, einen wichtigen Faktor dar. Wo unsere Vorfahren früher einem harten, körperlichen Arbeitsalltag entgegensahen, sieht unser Tagesverlauf heute grundlegend anders aus:

Aufstehen, sitzend Frühstücken, sitzend zur Arbeit fahren, sitzend den Arbeitstag verbringen. Zum krönenden Abschluss verlegen wir unseren Feierabend auf die Couch, bevor wir uns zur Abwechslung vom vielen Sitzen ins Bett legen.
Das Problem, dass der Tagesrhythmus eines solchen Lebenswandels mit sich bringt, scheint offensichtlich: im Tagesverlauf bewegen wir uns schlicht zu wenig. Nicht selten kommt dazu eine unausgeglichene Ernährung. Diese Kombination hat unserer Gesellschaft neue Volkskrankheiten beschert. Diabetes, Herzinfarkte oder chronische Rückenschmerzen haben frühere hygienebedingte Infektionen wie Pest, Syphilis oder Cholera abgelöst.

Die modernen Leiden lassen sich jedoch leichter im Voraus abwenden, als hochinfektiöse bakterielle Erkrankungen. Physisch sind unsere Körper immer noch dazu in der Lage, unserer historischen Beschäftigung als Jäger und Sammler nachzugehen.
Wo die Evolution gigantische Zeiträume braucht, um sich an neue Umstände und Gegebenheiten anzupassen, benötigte unsere technische Evolution nur wenige tausend Jahre. Die technologisierte, digitalisierte Welt von heute hat sozusagen unsere Physis überholt. In diesem Fall ist es jedoch von Vorteil für uns, dass uns unsere genetische Bestimmung nicht so schnell im Stich gelassen und sich noch nicht an das moderne Leben angepasst hat. So ist es jedem gesunden Menschenmöglich, mit dem Laufen zu beginnen.
Wir können jedoch auch nicht mehr die Alltagsschuhe ausziehen und völlig nackt draufloslaufen, wie es eigentlich die natürlichste Variante wäre. Daher gilt es, auf ein paar wichtige Details zu achten: allem voran die richtige Lauftechnik und die passenden Laufschuhe.

Lauftechnik – wie man „richtig“ läuft

Das erste wichtige Merkmal, was hervorgehoben werden sollte ist, dass jeder Läufer seinen individuellen Laufstil hat. Dabei gibt es erstmal kein richtig oder falsch. Grundsätzlich sollten wir auf unseren gesunden Menschenverstand, also unser Körpergefühl vertrauen.
Jeder erkennt sofort, welcher Jogger Vollprofi oder blutiger Anfänger ist: eine gerade, aufrechte Körperhaltung, aktiv gehobene Knie und ein dynamischer Abdruck wirken einfach ästhetischer als schleppendes „Vor-sich-hinlaufen“. Als Leitsatz gilt daher, dieser Vorstellung zu folgen und bewusster zu laufen. Für Anfänger ist es daher ratsam, die Kopfhörer zu Hause zu lassen und wachen Blickes auf seinen Körper und sein Laufverhalten zu achten. Das heißt: jeden Schritt bewusst zu setzen.
Genetisch sind wir zwar noch zu allen körperlichen Höchstleistungen fähig, unsere Muskulatur ist jedoch abhängig von unserem täglichen Bewegungsprofil. Besonders häufig befällt der Alltag unsere Rumpf- und Gesäßmuskulatur mit Untätigkeit. Da diese Muskelgruppen jedoch für einen dynamischen, fließenden Laufstil unerlässlich sind, empfiehlt es sich, wichtige Muskulatur neben dem Laufen regelmäßig zu trainieren.

Aber nicht nur für Anfänger gelten diese Regeln und Tipps, auch langjährige Läufer können ihre Lauftechnik perfektionieren. Hier ist die Routine jedoch eher nachteilig, da eine Umstellung nach so langer Zeit nicht einfach wird. Es lohnt sich aber allemal. Wenn wir einen Seitenblick auf andere Sportarten wie Tennis, Alpinski oder Langlaufski riskieren, können wir feststellen, dass hier Sportler immer versuchen werden, ihre Technik zu verbessern. Warum also nicht auch beim Laufen.
Eine feinere, besser abgestimmte Technik hilft dabei, neues Potential zu entfalten und Verletzungen vorzubeugen.
Wer sich dennoch unsicher ist, wie die ersten Schritte zu nehmen sind, sollte das tun, was in anderen Sportarten der klassische Weg in den Einstieg ist: einen Trainer suchen. Die richtige Beratung und Führung während der Anfänge können dabei helfen, die Sicherheit zurückzugewinnen und auf seinen Körper hören zu können.

Jeder Mensch kann laufen. Manchem fällt es leichter, dem anderen nicht. Mit der richtigen Methode kann jedoch Jeder die natürlichste aller Bewegungen für sich wiederfinden. Es gibt keine Ausreden!