Rennbericht: Ironman Barcelona

Triathletin Franzi Bossow über ihren Ironman in Barcelona

Es ist schon ein sehr besonderes Gefühl, wenn man zum ersten Mal im Laufe seiner sportlichen Karriere zwei Ironman-Rennen innerhalb einer Saison absolvieren will. Nach der Challenge Roth, welche für mich mit 9:39 Stunden erstaunlich gut gelaufen ist, ist es mein Ziel, diese Leistung beim Ironman Barcelona zu bestätigen.
Wie auch die Challenge Roth zählt der Ironman Barcelona zu einem von 40 weltweiten Triathlon-Veranstaltungen, bei der man sich für die Weltmeisterschaft beim Ironman Hawaii qualifizieren kann.

Das Training läuft in den Wochen vor Barcelona sehr gut. Ich bin ein skeptischer Mensch, aber mein Mann Chris (Chris Bossow, Active Sportshop Bielefeld ) macht mir immer wieder klar, dass ich tatsächlich in einer Topform bin und zwar in allen drei Disziplinen. „Deine Form ist besser als vor Roth!“, hat er immer wieder gesagt. Wenn es einer beurteilen kann, dann wohl er. Mit seinen 30 Triathlonjahren hat er Erfahrung wie kein anderer und schließlich absolvieren wir fast jede Trainingseinheit gemeinsam.

 

Die Tage vor dem Rennen

Am Mittwoch vor dem Rennen müssen wir mitten in der Nacht aufstehen. Morgens um 3 Uhr geht’s los zum Flughafen und dann ab nach Girona. Unsere Wohnung liegt ca. 2,5 Kilometer vom Schwimmstart entfernt direkt am Meer in Pineda de Mar. Das Rennen selbst startet auch nicht in Barcelona, sondern im Badeort Calella, ca. 40 Kilometer nördlich der Stadt.

Trotz der Aufregung herrscht in den Tagen vor dem Rennen Urlaubsstimmung. Wir wohnen direkt am Strand und gehen jeden Morgen schwimmen. Meinen Respekt davor, im Meer zu schwimmen, lege ich schnell ab. Superklares Wasser, meistens nur wenig Wellengang und keine Haie ;-). Die wenigen Laufeinheiten vor dem Wettkampf sind auch okay. Es ist zwar sehr warm, aber die Beine sind in Ordnung. Die einzige Radeinheit vor Ort nimmt mir dann jegliche Sorge vor eventuell gefährlichen Abfahrten. Und ansonsten läuft auch alles völlig stressfrei: Registrierung, Bike-Check-in, Deponierung der Tüten im Wechselzelt – alles funktioniert reibungslos und gechillt. Da haben wir schon ganz andere Sachen erlebt.

Der Morgen des Rennens

Ich kann fast ausschlafen – der Wecker klingelt erst um 5:50 Uhr, also fast zwei Stunden später als in Roth. Chris und ich sind nervös. Meine Eltern bringen uns zum Schwimmstart. Meine Schwester Steffi und ihr Freund Thorsten müssen zu Fuß gehen. Für mich ist es wichtig und ein gutes Gefühl, dass alle dabei sind.

Das Schwimmen

Der Schwimmstart erfolgt in einem sogenannten Rolling Start. Jeder Athlet muss sich gemäß der von ihm erwarteten Schwimmzeit in eine Box stellen. Chris und ich rechnen mit ca. 1:02 – 1:03 Stunden für die 3,8 Kilometer lange Schwimmdistanz und ordnen uns entsprechend ein. Fünf Minuten nach dem Start der Profis geht es los. Alle vier Sekunden werden fünf Athleten ins Wasser geschickt. Das Resultat ist ein super entspanntes Schwimmen. Nach ca. 200 Metern raus aufs Meer geht es knapp zwei Kilometer parallel zum Strand, dann nach zwei Wendebojen wieder zurück. Chris und ich können fast die gesamte Schwimmstrecke auf Blickkontakt bleiben. Für mich im Vergleich zu Roth ein deutlich angenehmerer Auftakt. Als ich im Schwimmziel auf die Uhr gucke, kommt mir als Erstes in den Kopf, dass die Strecke zu kurz ist. 1:00:30 Stunden. Nicht schlecht! Im Nachhinein sagt die GPS-Uhr, dass die Strecke sogar 3890 Meter lang ist.

Franzi beim Wechsel

Das Radfahren

Der Wechsel vom Schwimmen auf das Fahrrad klappt super, auch wenn die Wechselzone sehr lang ist. Die ersten drei Radkilometer verlaufen innerhalb des Ortes auf sehr schlechtem Asphalt. Dann geht es auf die N11, eine Bundesstraße entlang der Küste – wellig, aber schnell. Chris hat langsamer gewechselt und überholt mich bei Kilometer 25. Er ist total gut gelaunt und feuert mich an. Mir geht es so mittelprächtig. Ich habe leichte krampfartige Bauchschmerzen und hoffe, dass sich das Ganze beruhigt. Nach 30 Kilometern kommt der Anstieg nach Argentona. Meine Beine fühlen sich gut an. Ich kann viele Athleten überholen. Dann der Wendepunkt und die ganze Strecke zurück. Mit knapp 50 km/h geht es Richtung Meer. Auf einmal sehe ich Chris rechts am Rand stehen. Ich kann es nicht glauben, bleibe stehen. Chris hat einen Platten und schreit, ich solle weiterfahren. „Los, weiter, das ist dein Rennen!“, ruft er und schiebt mich zurück auf die Strecke. Ich fahre weiter, muss die ganze Zeit weinen, bin wie in Trance. Aber irgendwie geht es. Je länger das Rennen dauert, desto mehr muss man aufpassen, nicht in Gruppen zu geraten, die Windschatten fahren. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Zwei identische Runden à knapp 90 Kilometer müssen beim Ironman Barcelona absolviert werden. Die Radzeit ist auf jeden Fall Wahnsinn: 4:58 Stunden für 180 Kilometer. Das entspricht fast einem 36er Schnitt. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet.

Franzi beim Radfahren

Das Laufen

Beim Laufen merke ich schnell, dass die 42 Kilometer lange Strecke ein schwerer Abschluss wird. Drei Runden müssen gelaufen werden, dazu kommen 1,6 Kilometer Weg von der Wechselzone zum ersten Wendepunkt. Pro Runde dürfen wir ca. drei Kilometer Schatten genießen. Auf dem Rest steht die Sonne senkrecht am Himmel. Von Anfang an sind meine Beine müde, mein Bauch immer noch leicht gereizt und die Hitze ist teilweise brutal. Ich kämpfe mich von Verpflegung zu Verpflegung, von Runde zu Runde. Meine Family versorgt mich super. Chris steht am Rand der Laufstrecke – immer noch in Socken und mit seinem platten Rad. Das beruhigt mich schon mal. Er feuert mich an, gibt mir Abstände durch und ich bin immer noch total traurig, dass er nicht mehr dabei ist. Zwischendurch bin ich fast sicher, dass ich nicht zu Ende laufen kann. Aber in der letzten Runde geht es dann wieder etwas besser. Die letzten drei Kilometer laufe ich Slalom durch Hunderte von überrundeten Triathleten.

Der Zieleinlauf

Dann sehe ich das Ziel vor mir: roter Teppich auf 200 Metern, Tribünen rechts und links. Meine Marathonzeit ist 3:18 Stunden. Ich erinnere mich wie ungläubig ich vor knapp zwei Jahren reagiert habe, als mein Trainer mir sagte, dass ich im Ironman irgendwann unter 3:20 Stunden laufen kann. Dann sehe ich meinen Namen und die Gesamtzeit auf der Anzeigetafel: Franziska Bossow 9:22:14.
Ich kann es in dem Moment nicht glauben. Ich liege im Ziel, Chris ist da, nimmt mich in die Arme. Alles ist gut!

Franzi auf dem Treppchen
So richtig verstehen kann ich es erst in den Tagen danach. Fünftschnellste Frau in einem Ironman-Rennen und beste Amateurin von knapp 300 Frauen, die gefinisht haben. Ab 2017 wird sich wohl einiges ändern. Ich werde eine Profilizenz beantragen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Während sich die Agegrouper bis zu einem Jahr vor dem jeweiligen Rennen für eine Teilnahme verbindlich entscheiden müssen, meldet sich ein Profi zwar für viele Rennen an, entscheidet aber kurzfristig, ob er oder sie auch tatsächlich teilnimmt. Die Meldegebühren entfallen bei den Ironman-Rennen. Dafür zahlt man allerdings für die Lizenz fast 1000 Euro. Ein weiterer großer Vorteil ist der, dass die Sieg- und Platzierungsprämien nur an Inhaber der Lizenz ausgezahlt werden. Als Agegrouperin muss ich in Barcelona auf die Prämie leider verzichten. Ganz sicher sind wir im nächsten Jahr wieder beim Ironman Barcelona. Die Unterkunft haben wir schon gebucht!


Ich bin Triathletin, weil ich das Laufen zwar liebe, es mir ohne Abwechslung aber zu langweilig ist.
Mein größter sportlicher Erfolg: Sieg beim Hermannslauf 2009 und 5. Platz Ironman Barcelona 2016
Mein größtes sportliches Desaster: mein erster Langdistanz Triathlon Challenge Roth 2013
Meine Lieblingssünde: alles, was süß ist
Mein sportliches Ziel: ein Podiumsplatz bei einem Ironman