Skyrun auf den Kilimajaro

Bis zum Horizont und weiter

Es ist für viele ambitionierte Hobbybergsteiger ein besonderes Erlebnis, einmal den höchsten Berg Afrikas, den Kilimanjaro, zu bezwingen. In vier bis sechs Tagen kann man das bei gutem Trainingszustand locker schaffen. Unser Kollege Axel Hansert-Berger (Laufwelt Rastatt) nahm sich etwas weniger Zeit dafür...

45 Kilometer und 4445 Höhenmeter sind zu überwinden

„Skyrunning“ nennt sich die neue Disziplin. Das ist eine Mischung aus Bergsteigen und Berglauf, bei der es um nichts Geringeres geht, als möglichst viele Höhenmeter in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Wer Axel kennt (2002: 600 km zu Fuß quer durch die Atacama Wüste in Chile), weiß, dass der keine halben Sachen macht. Das Ziel klar vor Augen: den höchsten freistehenden Berg der Welt, den Kilimajaro, möglichst schnell zu bezwingen. In Zahlen ausgedrückt, heißt das: auf 45 Kilometern sind 4445 Höhenmeter zu überwinden!

Dass sich das trotz bester konditioneller Voraussetzungen nicht im Vorbeigehen bewerkstelligen lässt, ist Axel klar. Zwei Jahre bereitet er sich auf dieses Unternehmen vor. Nach einem Jahr: „Schnuppertraining“. Kann ich das überhaupt schaffen, wie reagiere ich auf diese Höhe? Es folgt ein weiteres Jahr intensiven, zielgerichteten Trainings. Ein speziell angefertigter Gewichtwagen, den er hinter sich her zieht, ist sein ständiger Begleiter auf seinen Bergtrainingseinheiten. Die üblichen 150 Wochenkilometer muss man nicht gesondert erwähnen. Doch auch Planung und Durchführung sind mit einiger Vorarbeit verbunden. Zunächst gilt es, die geeignete Route zu finden. Die Umbwe-Route oder auch „Coca-Cola-Route“ ist zwar die längste Strecke, weist jedoch keine übermäßig steilen Passagen aus.

Der Sauerstoffgehalt ist um rund die Hälfte geringer als in der Ebene

Das größte Problem bei dem Vorhaben ist jedoch die Höhe. Bei einer Zielhöhe von rund 5.800m können (vor allem unter Leistungsanspruch) viele unangenehme Dinge passieren. Der Sauerstoffgehalt ist um rund die Hälfte geringer als in der Ebene, die Temperaturunterschiede erreichen bis zu 60°C, die Luftfeuchtigkeit nimmt ab und Ultraviolettstrahlung zu. Durch den geringen Sauerstoffgehalt wird körperliche Arbeit schwerer. Die Anpassung an die erschwerten Bedingungen dauert normalerweise mehrere Tage. Dazu kommen natürlich noch die Gefahren durch Höhenkrankheit, Ödeme, Schneeblindheit, Blutgerinnungsstörungen und Erfrierungen. Das alles aber schreckt natürlich einen gut vorbereiteten Axel nicht.

Vor Ort schließlich wird ein Großteil der Anpassungsvorgänge in einer Art Generalprobe durchgespielt: Zusammen mit seinem Team – drei Frauen mit ausreichend Fitness und Marathonerfahrungen– besteigt er den Kilimanjaro schon mal vorab auf der vorgesehenen Route! Das dient zum Kennenlernen der Strecke, aber auch um eventuelle schwierige Passagen auf der Strecke auszuloten, und natürlich werden die geeigneten Punkte ausgesucht, wo die Helferinnen mit Verpflegung, Massagen usw. assistieren sollen. Sie brechen schon einen Tag vor dem Lauf zu den Stationen auf und übernachten da. Da niemand ohne einheimischen Guide die Besteigung angehen darf, werden auch sie begleitet. Axel ist eine Ausnahme. Mit einer (ziemlich kostenintensiven – wir sind in Afrika!) Sondergenehmigung ausgestattet, darf er die Strecke ohne Begleitung laufen. Davon abgesehen, dürfte so ziemlich jeder Guide bei seinem Vorhaben überfordert gewesen sein.

So ist er dann bereit, am 19. Januar 2007 sein Ziel in Angriff zu nehmen. Punkt 7 Uhr morgens gibt ein Nationalparkwächter am „Marangu Gate“ auf 1.650m den Startschuss. Über anfangs glitschige und morastige Wege geht es stetig steil bergan, sodass teilweise nur Schritttempo möglich ist. Doch die Wege werden besser, und er kommt gut voran. Diese Route nehmen auch die meisten Touristengruppen, doch die sind längst durch. Sie wollen den Sonnenaufgang um 6 Uhr morgens erleben, da muss man schon um zwei Uhr nachts vom Basislager auf 4800m aufbrechen. Axel trifft sie, die schon vier Tage unterwegs sind, erst, als sie schon wieder beim Abstieg sind.

Als erster Deutscher erreicht Axel Hansert-Berger den Gipfel

Um Gewicht zu sparen, hat er nur wenig Wasser sowie einige Gels und Riegel dabei. Vorbei an staunenden Gruppen von Bergsteigern nähert er sich dem ewigen Schnee auf dem Gipfel. Hier kommen die mitgebrachten „Schneeketten“ zum Einsatz, die einfach über die Trailschuhe gezogen werden. Obwohl die Vergletscherung in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, ist der Kibo-Gipfel – Axels Ziel – immer noch von einer dicken Schneeschicht bedeckt, die das Vorwärtskommen sehr erschwert. Und ab 5000m geht es noch mal richtig steil nach oben. Doch trotz alledem erreicht er endlich sein Ziel.

Als erster Deutscher erreicht Axel Hansert-Berger nach nur zehn Stunden den Gipfel des Kilimanjaro. Zeit zum Ausruhen und die sensationelle Aussicht zu genießen hat er nicht. Er will das sichere Lager auf 4800m noch vor Sonnenuntergang erreichen. Das klingt einfach, doch das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: nach einem Gewaltlauf mit gut über 4000m Höhenunterschied noch mal 1000 Höhenmeter bergab. Jeder, der sich etwas mit Bergtouren auskennt, weiß, dass bergab nicht die leichteste Aufgabe ist, vor allem mit schweren Beinen. Doch der Wille siegt, und als Lohn warten im Basislager eine große Portion Kohlenhydrate, Mineraldrink und die wohlverdiente Nachtruhe im Schlafsack.

Auf den Tag nach einem harten Lauf kann wohl jeder Läufer gern verzichten. Das geht auch Axel nicht anders. Vor allem, da rund 3000 Höhenmeter bergab vor ihm liegen. Dass er die nicht laufen muss, macht die Sache auch nicht einfacher. Doch immerhin hat er hierbei keine Zeitvorgabe, und irgendwie kann er seine stocksteifen Beine überreden, auch das noch hinter sich zu bringen. Wahrscheinlich mit dem Trost, dass es dem Rest des Körpers auch nicht besser geht. Aber der soll es die nächsten Tage besser haben. Denn im Hotel ist nur noch Ruhe und Pflege angesagt: Bäder, Massagen, Schlaf und gutes Essen – alles, aber kein Laufen. Zumindest vorerst nicht, denn wer seinen Wahlspruch kennt, weiß, dass er keine Ruhe geben wird. Der Slogan lautet: „Bis zum Horizont und weiter“.