Der TransRockies-Mann!

Florian Neuschwander vom Frankfurter Laufshop gewinnt den TransRockies Run

Wenn der Frankfurter Laufshop der Laufspezialist Ihrer Wahl ist, könnte ein gewisser Florian Neuschwander Ihr Laufschuhberater sein – ein Laufverrückter mit Bestzeiten unter 30 Minuten über 10 km und 2:20 im Marathon. Er berichtet uns vom TransRockies Run in Colorado:
Eigentlich war es Zufall, dass ich beim TransRockies Run gestartet bin. Mein Chef Jost vom Frankfurter Laufshop wusste, dass ich ein Trainingslager in den USA geplant hatte. Eines Morgens erzählte er mir, dass es auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen einen Wake up Trail Run über 17 km gibt. Der erste Preis sei eine USA-Reise inklusive Start beim TransRockies Run. Da gab es kein langes Überlegen: Wir mussten nach Friedrichshafen! So kam es, dass ich dort am Start stand und das Ding wirklich gewann. Die Freude war riesengroß, denn vom TransRockies Run hatte ich schon gehört: ein richtig spannendes Rennen!

Am 5. August ging es dann endlich los, zuerst nach Denver, wo ich bei einem super netten Bekannten unterkam – sogar mit eigenem Zimmer. Er ist Bierbrauer, und natürlich haben wir das ein oder andere seiner Biere getestet. Der Junge hat’s echt drauf! Denver liegt auf 1600 m Höhe und wird deshalb auch Mile High City genannt. Das war schon mal ganz gut zum Akklimatisieren, denn die Höhe habe ich bei meinen ersten lockeren Läufen schon etwas gemerkt. Ich blieb dort von Mittwoch bis Samstag, dann fuhr ich weiter nach Buena Vista. Das Städtchen liegt auf 2500 m Höhe und ist der Startort des TransRockies Run.

In Buena Vista ging alles seinen normalen Weg: Die ersten zwei Tage in einem Hotel, montags die Startunterlagen abholen und dann zum technischen Meeting, wo wir Teilnehmer alle Infos bekamen, wie die sechs Tage des Rennens ablaufen sollten. In dieser Zeitspanne muss man 120 Meilen (193 km) mit 20.000 feet (ca. 6000 HM) bewältigen – berg- hoch. Hört sich zunächst gar nicht so extrem an, aber das Harte an der ganzen Sache ist die Höhe, auf der der ganze Lauf stattfindet. Start, wie gesagt, allein schon auf 2500 m, und es geht bis auf 3800 m. Auf so einer Höhe war ich noch nie in meinem Leben! Die durchschnittliche Höhe liegt bei ca. 2900 m! In den Zielorten wird jeweils in Zelten geschlafen.

STAGE 1 (erster Tag): Buena Vista to Railroad Bridge (33,5 km, 760 HM)

Am Dienstagmorgen endlich: DER START! Ich hatte gehört, dass dies die am besten laufbare Etappe sein sollte, deshalb gab ich gleich mal Vollgas und wunderte mich, dass niemand mitgelaufen ist. Es ging zwar anfangs ständig bergan, doch nicht besonders steil, auch die folgende Bergabpassage lief richtig gut, eine kurzweilige, abwechslungsreiche Etappe – und vor allem: kein Verfolger in Sicht! Als Ergebnis sprang ein Tagessieg mit 9 Minuten Vorsprung heraus, immerhin vor dem zweimaligen vor dem zweimaligen „Western States 100“-Sieger Rob Krar und seinem Teamkollegen Mike Smith. So konnte es weitergehen. Nach dem Lauf lagen wir alle am Fluss um die Ecke, um die müden Beine zu kühlen. Am Campingplatz waren 300 Zelte für die Teilnehmer aufgebaut, ein Physiound Massagezelt, Chillout Area, tolles Frühstücks- und Dinnerzelt – kurz: eine Wahnsinnsorga. Das hatte ich noch nirgendwo erlebt!

STAGE 2 (zweiter Tag): Vicksburg to Twin Lakes (21,6 km, 975 HM)

Die zweite Etappe hatte es richtig in sich! Start unten im Tal. Erst ca. 3 bis 4 km flach, dann kam DER Anstieg. Für meine Verhältnisse MEGA-steil. So einen Anstieg bin ich noch nie hoch. Laufen? Keine Chance! 4 km lang ca. 800 HM bergauf. Ich habe mich also da raufgequält, und oben angelangt, ging es einen ewig langen, technisch anspruchsvollen Downhill wieder runter. Auch nicht gerade meine Stärke! Aber irgendwie wurschtelte ich mich in Richtung Tal. Meine Beine wurden durch den Downhill natürlich müde, und in einem unachtsamen Augenblick stolperte ich über eine Wurzel und legte mich lang. Na ja… zum Glück nix passiert. Um die Twin Lakes glücklicherweise dann toll zu laufende flache Wege, auf denen ich wieder Boden gutmachen und meinen Vorsprung sogar noch auf 13 Minuten ausbauen konnte. Denn nicht nur ich hatte am Berg Probleme gehabt...

STAGE 3 (dritter Tag): Leadville to Nova Guides at Camp Hale (38,9 km, 820 HM)

Der dritte Tag war nicht unbedingt mein stärkster. Die dünne Luft in Leadville auf 3000 Metern Höhe machte sich schon beim Start deutlich bemerkbar. Eigentlich lief sich die Strecke gut, doch Mitte der Etappe war bei mir plötzlich die Luft raus. Einige Läufer überholten mich, und ich habe sie auch bis zum Ende nicht mehr einholen können. War jedoch nicht so schlimm, denn die meisten da- von starteten in einer anderen Kategorie, und es war der letzte Tag für sie. In meiner Kategorie – Einzelläufer über alle sechs Etappen – konnte ich meinen Vorsprung sogar nochmals etwas ausbauen. Das war schon recht bemerkenswert angesichts meines leichten Einbruchs.

STAGE 4 (vierter Tag): Nova Guides at Camp Hale to Red Cliff (22,9 km, 885 HM)

Die ersten 3 bis 4 km nach dem Start direkt am Campingplatz waren wieder flach, doch danach ging es richtig los. Der Anstieg begann moderat, wurde aber immer steiler. Sehr steil sogar. Wenn ich dachte, es kann nicht mehr steiler werden, dann wurde es NOCH MAL steiler! Für mich die Horroretappe, bis zum höchsten Punkt war Laufen kaum möglich. Also versuchte ich einfach so schnell es ging den Berg hochzuwandern! Vornehme Zurückhaltung war angesagt, und ich ließ die Bergziegen vornweg laufen. Viel Zeit, die geniale Aussicht zu genießen, hatte ich trotzdem nicht, denn schon ging es wieder runter – teilweise technisch recht anspruchsvoll –, aber trotz müder Beine vom Anstieg, dieses Mal ohne Sturz, und ich konnte im anschließenden Flachstück einige Plätze wiedergutmachen. Der Hammer aber sollte erst noch kommen: eine Meile durch einen kleinen Fluss – mittendurch, komplett durch den Fluss! Anderthalb Kilometer lang, das hat man (glücklicherweise) auch nicht oft. Aber die Erfrischung gab mir neue Energie, sodass die Etappe alles in allem richtig Spaß gemacht hat. Vor allem das Nachprogramm: Nach dem Rennen wurden uns in Red Cliff in einer netten Bar deren berühmte Fish und Meat Tacos, Bier und Margheritas serviert!

STAGE 5 (fünfter Tag): Red Cliff to Vail (38 km, 1250 HM)

Obwohl ich mir für diese fünfte Etappe einiges vorgenommen hatte, merkte ich schon nach einem Drittel der Strecke, dass die Tage vorher nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen waren. Der stete Anstieg ins Skigebiet von Vail zog die Kraft aus den Beinen – schon bald wurde ich von meinen beiden Verfolgern überholt. Die letzten 12 km ging es bergab, sodass ich mich etwas erholen konnte und auch einen meiner Verfolger wieder einkassierte. Dennoch kam ich nur als Zweiter ins Ziel, mit 7 Minuten Rückstand, führte aber immer noch in der Gesamtwertung. Ich war richtig müde und hatte keine Kraft mehr. In Vail angekommen, beschloss ich, direkt ein Hotel zu buchen. Für die letzte Nacht wollte ich gerne mal in einem bequemen Bett schlafen. Das war auch eine gute Idee, denn so konnte ich mich in den Jacuzzi legen und etwas abschalten. Und wie jeden Tag gönnte ich mir auch heute eine Massage, um die Beine für den nächsten Tag wieder locker zu bekommen.

STAGE 6 (letzter Tag): Vail to Beaver Creek -Ziel! (35,7 km, 1550 HM)

Das mit der Übernachtung im Hotel war die richtige Entscheidung gewesen, denn in der Nacht hatte es geregnet und gewittert. Nicht so gut, dann im Zelt zu übernachten, vor allem vor der letzten Etappe – der mit den meisten Höhenmetern. Meine Beine fühlten sich gut an, und ich bin alle Berge durchgelaufen. Da ich in Führung war, weiß ich es nicht wirklich, doch ich glaube, die anderen sind sicher einige Male gegangen. Nach dem höchsten Punkt bei km16 ging es einen wunderschönen Singletrail hinab. Vorsicht war angesagt, da dichtes Gras den Weg teilweise total bedeckte. Doch es klappte alles, und nachdem ich auch den letzten Anstieg gut gemeistert hatte, wusste ich, dass mir der Sieg bei dieser Etappe und damit der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen war. Das war ein tolles Gefühl, und die letzten kurzen Downhill konnte ich richtig genießen. In Richtung Ziel war ich auch schon innerlich am Jubeln und freute mich dann richtig, als ich das Ding wirklich gewann. Das hätte ich so eigentlich nicht erwartet, weil ich schon einen Riesenrespekt vor den Bergen, den ganzen Höhenmetern und vor allem vor der Höhe selbst hatte. Aber es ging alles gut. Auf jeden Fall war es ein cooler TransRockies Run und ein echt tolles Erlebnis. Ich bin noch eine Woche länger in Beaver Creek geblieben, habe mich gut erholt und noch die Natur und die Berge genossen.