Auf dem Wasser laufen

Laufen auf einem Kreuzfahrtschiff

Auf einem Kreuzfahrtschiff kann man nicht nur bequem fremde Länder bereisen und sich rund essen, man muss auch auf Sport nicht verzichten. Moderne Fitnessstudios, Basketballcourts und anderes bis hin zum Golfabschlag-Übungsplatz, es ist alles da. Mit dem Laufen aber ist das so eine Sache!

Laufen auf dem Kreuzfahrtschiff. Meer, Sonnenuntergang am Horizont.
 

Laufen auf dem Promenadendeck - eine prägende Erfahrung

Nach ein paar Tagen hat man den Dreh raus. Wann ist die beste Zeit zum Laufen? Wann sind die wenigsten Leute unterwegs, die man beiseite bitten oder umkurven muss? Früher war Deck 7, das sogenannte Promenadendeck, für Spaziergänger, Walker und Läufer gleichermaßen gedacht. Die meisten Cruiselines jedoch haben das inzwischen abgeschafft: Nur noch Lustwandeln und Walken sind erlaubt. Die Läufer werden auf das höchste Deck verbannt und dürfen da ihre Runden um den Schornstein drehen. Eine 120-m-Runde, die nicht sehr viel Spaß macht. Schon allein, weil der Wind da oben so heftig weht, dass nur ganz Abgebrühte die angepeilte Stunde schaffen.

Aber dieses genussvolle Laufen auf dem Promenadendeck ist für passionierte Läufer schon ein Entscheidungskriterium für oder gegen ein Schiff, denn das Gefühl, mitten in den Elementen zu sein, über den Wellen, mit dem Wind oder gegen ihn anzulaufen, seine Schritte ständig den Bewegungen des Schiffes anzupassen, ständig neue Wellenberge zu beobachten oder nach Delfinen Ausschau zu halten – das Laufen auf dem Schiff ist eine prägende Erfahrung, die süchtig machen kann. Unser Schiff ist eines von den läuferfreundlichen!

Auf jeden Fall ist der frühe Abend die beste Zeit dafür. Die meisten Passagiere machen sich fertig fürs Abendessen oder sitzen schon mal in den diversen Bars, um sich warm zu trinken. Dann hat man das Deck fast für sich allein. Man hat es natürlich auch schon zu anderen Zeiten probiert, doch es ist einfach nur lästig, ständig „Excuse me“ oder „Sorry“ zu rufen, um die wandernde und walkende Gemeinde zu warnen, dass man schneller unterwegs ist (bei den Amerikanern muss man sich für alles entschuldigen – aber das lernt man schnell!). Manchmal helfen auch ein paar laut tapsende Schritte, um auf sich aufmerksam zu machen. Dann aber erschrecken manche ältere Herrschaften so sehr, dass man um ihr Wohlergehen fürchten muss. Den gleichen Effekt hat es, wenn man sich ohne hörbare Vorwarnung einfach an ihnen vorbeischlängelt. Da holt man sich schon mal den ein oder anderen deftigen Kommentar ab. Meist jedoch geht es gut, die meisten sind gut gelaunt, kennen auch schon die Läufer, die sie das ein um das andere Mal überholen.

Aber gegen halb sechs ist alles anders. Das ist die Zeit des Genießens. Dann ist man allein mit sich, den Wellen und dem Wind. Den hat man von vorn, wenn man in Fahrtrichtung läuft, besonders heftig ist er jedoch, wenn man die Bugpartie erreicht. Unser Schiff hat die Besonderheit, dass sich das Promenadendeck im vorderen Bereich von Deck 7 auf Deck 8 fortsetzt. Das heißt, man muss 21 Stufen hinauf, und wenn man oben angekommen ist, wird man an manchen Tagen von einem Gegenwind empfangen,der einem fast die Luft nimmt. Bei der auf unserer Route nicht seltenen Windstärke 7 (Stärke 8 ist Sturm) heißt das: kämpfen! Körpervorlage, kurze Schritte, Armeinsatz. Am interessantesten wird es ganz vorn. Am Bug, an der Spitzkehre, wo man auf die andere Seite des Schiffes wechselt, ist der Wind am stärksten. Da, wo sich innerhalb von wenigen Schritten der Gegenwind in Rückenwind dreht, da ist Aufmerksamkeit und gute Körperbeherrschung gefragt. Es ist nur ein ganz kurzer Moment, vielleicht zwei oder drei Schritte, da scheint der Wind von allen Seiten gleichzeitig zu kommen, macht den Läufer zum Spielball und versucht, ihn an die Reeling zu katapultieren. Zwei Schritte später kommt dann der Wind von hinten und treibt den Läufer mit unerbittlicher Wucht vor sich her auf die Treppe nach unten zu. Glücklicherweise sind es rund 30 m bis dahin und man hat sich auf die neue Situation eingestellt. Treppe runter und dann kann man wieder richtig genießen: Rückenwind, der den Schritt leichter werden lässt, fast schwerelos scheint das Laufen, Zeit, den Blick übers Meer schweifen zu lassen: Entspannung pur!

Der Jüngling

Wäre da nicht dieser Jüngling, der gerade aus der Tür kommt, sich seine Ohrhörer einstöpselt, die Schuhe noch mal festbindet, abwartet, bis ich vorbeigelaufen bin, um dann mit überhöhter Geschwindigkeit an mir vorbeizuziehen, und mir damit zeigen will: Sieh mal, so läuft man richtig schnell! Ich kenne ihn schon – jeden Tag das gleiche Spiel. So auch dieses Mal. Er hat einen Abstand von 20 Metern zwischen sich und mich gebracht, dann wird er langsamer, mein Tempo, nicht mehr. Wenn er glaubt, ich käme näher, wieder einen kurzen Sprint, und der alte Abstand ist wiederhergestellt. Das Spielchen geht so genau zweieinhalb Runden – 1 Meile – dann stoppt er, nimmt die Stöpsel aus den Ohren und verschwindet.

Der Vogelfreund

Dann bin ich wieder allein. Nur ganz vorn, am sturmumtosten Bug, steht er wahrscheinlich wie immer – der „Vogelfreund“, wie wir ihn genannt haben. Ein Kanadier mit ein paar Pfunden zu viel, aber ständig selig lächelnd, wind- und wetterfest eingepackt, professionell ausgerüstet mit Fernrohr auf Stativ, Superkamera und einem dicken Vogelbuch, in dem wahrscheinlich alle Piepmätze aufgeführt sind, die sich über dem Meer herumtreiben. Manchmal bekommt er Gesellschaft von einem ahnungslosen Passagier, der nur wissen will, wonach er Ausschau hält, dann aber gleich einen vogelkundlichen Vortrag genießen darf, dessen Länge ihn fast das Abendessen verpassen lässt. Auch der Vogelfreund gehört zum festen Bestandteil des abendlichen Laufes, genauso wie der deutlich übergewichtige Mann, der jeden Tag seine Stunde absolviert in einer Mischung aus Gehen und versuchtem Lauf. Ihm gehört meine tiefe Bewunderung. Obwohl er sich sichtbar quält, hält er eisern durch, lässt keine einzige Treppe aus, Tag für Tag, bei jedem Wetter. Er beachtet mich nicht, konzentriert sich nur auf sich. Auch scheint er von seiner Umgebung nichts mitzubekommen, schaut nicht aufs Meer, beachtet den Vogelfreund nicht – eine Stunde meditativen Kampfs gegen sich selbst.

Ich versuche, so viel wie möglich aufzunehmen: die Wellen, die, scheinbar gleich und doch jede anders, machtvoll das Schiff umspielen, den Wind, der meinen Lauf mal antreibt und das andere Mal hemmt, die leichte Bewegung des Schiffes, die beim Gehen meinen Schritt beeinflussen würde, im Laufen dagegen kaum spürbar ist. Die Leute, die ich durch die großen Fenster sehen kann, die in den Bars sitzen und mir manchmal mit ihrem Drink zuprosten, den älteren Herrn im Internetcafé, der über seinem Computer eingeschlafen zu sein scheint – kein Wunder bei der langsamen Verbindung hier auf dem Meer.

Und dann höre ich wieder nur meine Schritte. Das Deck ist nass von der Gischt, die vom Wind über die Reeling getragen wurde, und das Schmatzen der rutschfesten Sohle hallt an der Wand des Schiffes wider. Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass dieses Geräusch nur der Widerhall meiner Schritte ist. Oft drehe ich mich um: Nein, da ist keiner hinter mir.

Langweilig wird es mit Sicherheit nicht auf den 16 Runden, die rund 10 km ergeben, – gestern nicht und heute auch nicht! Ich freue mich schon auf morgen!