Läuferchinesisch

Der aktive und passive Bewegungsapparat

Wie laufen Bewegungen ab, welche Akteure sind daran beteiligt, wo liegen deren Stärken und Schwachstellen? Diese zu kennen und die Zusammenhänge zu verstehen hilft, die Leistung zu verbessern und Verletzungen zu vermeiden. Werfen wir also einen Blick auf die einzelnen Komponenten.

Der aktive Bewegungsapparat

Zunächst widmen wir uns dem aktiven Bewegungsapparat. Er umfasst alles, was zur Bewegung dient, das heißt, alle a. Muskeln und ihre Hilfsorgane: b. Sehnen, c. Faszien und d. Schleimbeutel.

 

a. MUSKELN

Muskeln haben die Aufgabe, Körperteile aktiv zu bewegen. Sie setzen direkt an ihnen oder den entsprechenden Gelenken an und üben Kraft auf sie aus, indem sie sich zusammenziehen. Die Herzmuskulatur sowie die sogenannte glatte Muskulatur, welche im Darm und den Gefäßen vorkommt, lassen wir hier beiseite, denn uns interessiert natürlich am meisten die Skelettmuskulatur, über 600 große und kleine Muskeln, die dafür sorgen, dass wir uns mehr oder weniger feinmotorisch bewegen können. Der Befehl dafür kommt vom zentralen Nervensystem, das unsere Bewegungen nicht nur auslöst, sondern auch koordiniert. Die Feinabstimmung ist erlernbar und muss, um optimale Ergebnisse zu erzielen, immer wieder trainiert werden. Die Unterscheidung von Haltemuskulatur (tonischer M.) und Bewegungsmuskulatur (phasischer M.). ist vielen Läufern meist nicht bekannt, doch für langfristig gesundes Sporttreiben sehr wichtig. Die Vertreter der tonischen Fraktion setzen sich überwiegend aus „roten“ Muskelfasern zusammen. Diese agieren zwar langsam, sind aber ermüdungsresistent. Leider neigen sie zu Verkürzungen (z. B. Brust-, hintere Oberschenkel- und Wadenmuskulatur) und müssen deshalb regelmäßig gedehnt werden, um muskuläre Ungleichgewichte (Dysbalancen) zu vermeiden. Die phasischen Muskeln bestehen überwiegend aus „weißen“ Muskelfasern, die schnell kontrahieren, doch auch ebenso schnell ermüden. Verkürzung ist für sie kein Thema, doch neigen sie zur Abschwächung, wenn sie nicht regelmäßig trainiert werden (Beispiel: Bauch- und Gesäßmuskulatur). Der unterschiedliche Umgang mit tonischen und phasischen Muskeln mit ihrer Möglichkeit eines muskulären Ungleichgewichtes ist eines der zentralen Themen in der Leistungsentwicklung und der Verletzungsvorbeugung von Sportlern. Gezielte Kraftentwicklung und gleichzeitige Dehnfähigkeit der entsprechenden Muskeln verhindern Fehlhaltungen, Fehlbelastungen und den damit verbundenen Leistungsabfall sowie Verletzungen. Dazu ein Merksatz, den die meisten Läufer nicht gern hören werden: Dehnen ist wichtiger als Kräftigen. Wobei die gute Nachricht lautet: Beides – Dehnen und Kräftigen – kann und soll man bis ins hohe Alter ausüben, um den Körper lange fit und gesund zu halten.

b. SEHNEN

Muskeln setzen über SEHNEN am Knochen an und übertragen über sie die Kraft auf ein Gelenk. Sehnen bestehen aus parallel verlaufenden kollagenen Bindegewebsfasern, die ihnen enorme (Reiß-) Festigkeit verleihen. Sie sind zudem elastisch, können aufgenommene Energie kurz speichern und dann wieder freisetzen. Das beste Beispiel ist die Achillessehne, die beim Abrollen des Fußes gedehnt wird, Energie speichert, diese bei der Abstoßbewegung freisetzt und damit die Arbeit der Wadenmuskulatur unterstützt. Allerdings sind Sehnen schlecht durchblutet, und auch nur wenige Nerven durchziehen ihr festes Gewebe. Die Folge des trägen Stoffwechsels ist eine schlechte Regeneration, besonders auch nach Verletzungen. Doch sie reagieren auf Training, werden stärker und elastischer, leider lässt das Ergebnis etwa siebenmal länger auf sich warten als beim Muskel selbst.

c. FASZIEN

Die FASZIEN, auch Bindegewebe genannt, sind eines der am meisten unterschätzten Elemente im Körper. Erst durch dieses netzartige Gewebesystem wird der Körper zu einem zusammenhängenden Ganzen. Es umhüllt die Muskeln und verleiht ihnen dadurch ihre Form. Es verbindet Muskeln, Sehnen, Knochen, Nerven und Gefäße und hält sie am richtigen Platz. Als körpereigener Wasserspeicher sind sie nicht wegzudenken, auch die Infektabwehr fällt in ihr Ressort. Obwohl oft nur einen Millimeter dick, sind die Faszien reißfest, doch gleichzeitig hochelastisch. Ihre Zusammensetzung aus Wasser, Kollagenfasern und Klebstoffen sorgt dafür, dass sich Körperteile und Organe in sich und gegeneinander verschieben und dass sich die Muskeln geschmeidig bewegen können. Vielfach wird das komplexe Gewebe der Faszien sogar als Sinnesorgan bezeichnet, da es über sensorische Rezeptoren verfügt. Temperaturschwankungen, mechanische (Schmerzen) und chemische Reize können so von den Faszien wahrgenommen werden. Doch Faszien können verkleben, was zu einer Vielzahl von Beschwerden führt. Ursache sind meist länger andauernde Muskelverspannungen, durch die der wichtige Lymphfluss unterbrochen wird. Dadurch kann sich Fibrin bilden, das die umliegenden Strukturen verklebt, was die Bewegungsfähigkeit der beteiligten Muskeln wesentlich einschränkt. Auch Stress ist ein Grund für das Verkleben von Faszien. Damit nicht genug: Da sie Schmerzrezeptoren enthalten, können hier Schmerzen auftreten, deren Ursache auf keinem bildgebenden Verfahren erkennbar ist. Deshalb ist ihre Funktionsfähigkeit von elementarer Bedeutung: Bewegung und Beweglichkeit (siehe unseren Bericht im Magazin 2013), auch auf niedrigem Niveau, halten die geschmeidige Struktur der Faszien aufrecht. Dazu eignen sich neben regelmäßigem Ganzkörperstretching besonders langsame, weiche Trainingsformen wie Yoga, Tai Chi, Pilates und Chi Gong.

d. Schleimbeutel

Etwa 150 Schleimbeutel als weiterer Teil unseres aktiven Bewegungsapparates – kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Säckchen, die an besonders beanspruchten Stellen, meist in Nähe der Gelenke, sitzen – verhindern Druck und Reibung. Die Gefahr ist besonders groß, wo Haut, Muskeln oder Sehnen direkt auf dem Knochen aufliegen. Bei einer Überlastung durch Druck, einer Sportverletzung, aber auch einer bakteriellen Infektion können sich Schleimbeutel entzünden. Man spricht dann von einer Bursitis, wobei die betroffene Stelle gerötet und geschwollen ist und auf Druck schmerzhaft reagiert. Die am meisten gefährdeten Stellen sind Schulter, Ellenbogen, Hüfte und Knie, wobei die Symptome mithilfe von Ruhigstellung, Eisbehandlung und gegebenenfalls mit Medikamenten bald wieder abklingen.

Der passive Bewegungsapparat

Als passiven Bewegungsapparat – auch Stützapparat genannt – bezeichnet man das Grundgerüst des menschlichen Körpers, das Skelett und dessen verbindende Teile: a. Knochen, b. Bänder, c. Knorpel und d. Gelenke.

a. KNOCHEN

Über 200 KNOCHEN verschiedenster Form und Größe bilden die Stütz-, Schutz- und Gerüsteinheit unseres Körpers. Außerdem dienen sie als Hebel für die Muskeln bei Bewegungen. Dass diese starken, stabilen Strukturen nur rund 17 % unseres Körpergewichtes ausmachen, liegt an ihrer Konstruktion. Ein Netzwerk aus feinen Lamellen verleiht ihnen Festigkeit, um stärksten Belastungen standhalten und trotzdem eine erstaunliche Biegsamkeit gewährleisten zu können. Auch wenn sie als Symbol für Tod und Vergänglichkeit stehen – Knochen sind durchaus nicht leblos. Umgeben von der Knochenhaut, die über ein eigenes Blutgefäßsystem verfügt, welches sie mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt, reagieren Knochen auf Belastungen und beantworten sie mit einer Verstärkung in der Struktur. Mit anderen Worten: Durch Belastung wird der Knochen stärker. Das gilt denn leider auch umgekehrt: Mangelnde Bewegung kann zu einem Verlust an Knochenmasse und -dichte führen. So gilt das Postulat der gesunden Ernährung auch für die Knochen: Zufuhr von wichtigen Mineralien wie Calcium und Magnesium (im Verhältnis 2:1), Silicium, Vitaminen (vor allem D und K) und Nahrungsmitteln, die den Stoffwechsel nicht übersäuern.

b. BÄNDER

Während die Sehnen einen Muskel mit einem Knochen verbinden, verbinden BÄNDER zwei Knochen miteinander. Sie sind wenig elastisch, damit sie ihre Aufgabe erfüllen können, ein Gelenk zu stabilisieren und die Bewegung darin auf ein physiologisch sinnvolles Maß einzuschränken. Werden sie dennoch einmal überdehnt, gehen sie nicht wieder in ihre ursprüngliche Form zurück – ein einmal gedehntes Band bleibt gedehnt. Dann ist muskuläre Aufschulung (Physiotherapie) gefragt, um die Stabilität im Gelenk wieder herzustellen.

c. KNORPEL

Weiterhin zu der großen Gruppe der Bindegewebe zählt der KNORPEL. Der hat z.B. in den Gelenken die Aufgabe, für für einen reibungsarmen Bewegungsablauf zu sorgen. Dazu überzieht er am Ende eines Knochens dessen Gelenkfläche und wirkt mit seiner Elastizität wie ein kleiner Stoßdämpfer. Knorpelmaterial enthält keine Blutgefäße oder Nerven, ist somit auch nicht schmerzempfindlich. Es besteht zu 70 % aus Wasser und wird nur über die Knorpelhaut oder die Gelenkflüssigkeit ernährt. Diese sogenannte Diffusion funktioniert ausschließlich über Druckbe- und -entlastung. Also auch hier wieder: Die Funktionsfähigkeit der Strukturen ist von Bewegung bzw. Belastung abhängig. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der Bandscheiben: eine gesunde Wirbelsäule braucht regelmäßige Bewegung.

d. GELENKE

Gelenke sind die beweglichen Verbindungen zwischen zwei oder mehreren Knochen. Verschiedene Ausprägungen wie Kugel-, Scharnier-, Sattel- oder Zapfengelenk lassen unterschiedliche Bewegungen und Bewegungsspielräume zu. Wie bereits gehört, werden die Gelenke durch Bänder stabilisiert und in ihrer Bewegung geführt, während die Knorpelschichten einen reibungslosen Bewegungsablauf gewährleisten. Umgeben werden Gelenke durch die Gelenkkapsel. Sie umschließt die Gelenkhöhle, die mit Flüssigkeit gefüllt ist.

Das komplexe Flechtwerk unseres Bewegungsapparates mit seinen voneinander abhängigen und sich ergänzenden Komponenten sorgt für das Wunderwerk menschliche Bewegung, das zu pflegen sich lohnt, sodass deren Funktionen sich selbst erhalten.