Die Laufpioniere

Der Laufboom in den USA

Auch wenn Dr. Ernst van Aaken und Arthur Lydiard (unsere Magazine 2013 und 14) die theoretischen Voraussetzungen schufen und ihre Athleten die Richtigkeit ihrer Methoden durch Erfolge bewiesen – der eigentliche Laufboom wurde in den USA geboren. Erinnern wir uns an diejenigen, die dort Millionen in Bewegung brachten.

   

Dr. Kenneth Cooper - Urheber des Cooper-Tests 

Wer den Namen Dr. Kenneth Cooper schon mal gehört hat, denkt mit Sicherheit an sein bekanntestes Buch „Aerobics“ (1968, dt. Titel: „Bewegungstraining“) oder den Cooper-Test, bei dem in zwölf Minuten eine möglichst lange Strecke gelaufen werden soll. Doch das ist längst nicht alles. Auch wer Cooper nur mit Jane Fonda und Jacki Sorensen abtut, die dem Aerobic weltweit eine überwiegend feminine Prägung verliehen, tut ihm Unrecht. Denn sein Anliegen war körperliche und geistige Fitness, die, wie er schon früh, in seiner Zeit als Sportmediziner bei der Air Force, erkannte, unmittelbar mit der Sauerstoffversorgung zusammenhängt. Als Mediziner stellte er immer Prävention über Medikation und forderte mehr körperliche Aktivität. Gesteigerte Sauerstoffaufnahme und verbesserte Durchblutung für mehr Lebensqualität - Thesen, die uns sehr bekannt vorkommen, da sie schon 20 Jahre zuvor in Deutschland durch Ernst van Aaken vertreten worden waren. Doch Gesundheitsport war für die US Amerikaner zu dieser Zeit noch ein Fremdwort. Das Überangebot an Lebensmitteln sowie die zunehmende Motorisierung förderten einen passiven Lebensstil, den Cooper sehr wohl wahrnahm. Schon während seiner Tätigkeit bei der Air Force hatte er beobachtet, dass sportlich inaktive Piloten deutlich häufiger krank wurden als deren aktive Kollegen. Daraus schloss er, dass regelmäßige körperliche Betätigung, am besten in Form von Ausdauersport, sowohl Fitness als auch Leistungsfähigkeit im Alltag spürbar verbessern. Mit seinen Publikationen, die millionenfach verkauft und in 28 Sprachen übersetzt wurden, legte er quasi den Überholgang ein und wurde so zu einem der Motoren der gerade aufkommenden Fitness-, Trimm- Dich- und Joggingbewegung.

James Fixx gab Initialzündung für Laufboom in den USA

Weniger die medizinischen Vorzüge des Laufens als seine eigenen Erfahrungen motivierten James Fixx, ein Buch übers Laufen zu schreiben, das sich zum ultimativen Bestseller entwickelte. Millionenfach verkauft und noch heute verlegt, war „Das komplette Buch vom Laufen“ (1977) eine weitere Initialzündung des Laufbooms in den USA. Dieses Buch und seine regelmäßigen Auftritte in TV Shows animierten Millionen von Amerikanern, dem Beispiel des Autors zu folgen: Stark übergewichtig und zwei Schachteln Zigaretten täglich vernichtend, kam er erst mit 35 Jahren zum Laufen und fand dadurch seine Rettung. Er änderte seine Essgewohnheiten, nahm 30 kg ab, hörte mit dem Rauchen auf und begann ein tägliches Lauftraining. Doch nicht nur das war seine Botschaft, ebenso wichtig war ihm die psychologische Wirkung eines regelmäßigen Lauftrainings: Steigerung des Selbstbewusstseins sowie der bessere Umgang mit täglichem Stress und Spannungen. Seine Botschaft ist heute nichts Außergewöhnliches mehr, damals aber war er für Menschen, die nach einer Lösung ihrer gesundheitlichen Probleme suchten, der Guru. Das Tragische jedoch: Der Mann, der immer die lebensverlängernde Wirkung des Laufens hervorgehoben hatte, starb im Alter von nur 53 Jahren bei einem Trainingslauf einen Sekundentod. Sofort wurden kritische Stimmen laut. Viele hatten es schon immer gewusst: Laufen ist nicht nur ungesund, sondern sogar gefährlich! Ihnen wurde schnell der Wind aus den Segeln genommen, denn Fixx hatte eine fatale genetische Veranlagung, ein von Geburt an vergrößertes Herz; sein Vater starb bereits mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt. Außerdem wurde bei der Autopsie festgestellt, dass seine Herzkranzgefäße bis zu 80% verkalkt waren. Das alles muss er gewusst, zumindest geahnt haben, doch verweigerte er sich einer Untersuchung oder gar Behandlung. So ist es richtig schade, dass James Fixx heutzutage mehr durch seinen frühzeitigen Tod bekannt ist als durch seine Verdienste um die Verbreitung des Gesundheitssports.

Jeff Galloway empfiehlt schonendes Training

Der in den USA wahrscheinlich berühmteste Marathonexperte ist hierzulande weniger bekannt. Zu Unrecht, denn Jeff Galloway hat Zehntausenden ermöglicht, mit dem Laufen anzufangen und sogar einen Marathon zu absolvieren. Mit einer Bestzeit von 2:16 Std. und als Teilnehmer der Olympischen Spiele 1972 in München empfiehlt der Marathonläufer dennoch ein schonendes Training, das auf geringen Wochenkilometern basiert. Viele Athleten und Freizeitläufer führte er damit zum Erfolg: durch Reduzierung des wöchentlichen Trainingsumfanges, darin enthalten eine Tempoeinheit sowie ein langer, ruhiger Lauf am Wochenende. Das ist bis heute auch sein eigenes Erfolgsrezept, denn seit 30 Jahren hat er keine Verletzung mehr auskurieren müssen. Schon 1974 machte er sich für eine andere revolutionäre Idee stark: Nicht nur Freizeitläufern, sondern auch ambitionierten Marathonis empfiehlt er, bei längeren Läufen alle 2 bis 3 Kilometer eine Gehpause von einer Minute einzulegen. Währenddessen hat der Körper Zeit, den benötigten Sauerstoff für die weitere Leistung aufzunehmen, was beim Weiterlaufen in dieser Menge nicht möglich wäre. Zudem ermöglicht die Pause eine schnellere Erholung der Laufmuskulatur. Für Zweifler: Die Bestzeit eines nach dieser Methode gelaufenen Marathons liegt bei unter 2:40 Std.! Wie bereits in unserem Bericht auf Seite 40 dieses Magazins erwähnt: Die subjektiv empfundene geringere Belastung, die schnelle Regeneration und auch das überlastungsfreie Training sind wohl Argumente genug, Galloway in die Reihe der Großen in der amerikanischen Laufbewegung einzuschließen. Die vielen Menschen, die nach seiner schonenden Methode mit dem Lauftraining begonnen haben, Abertausende, die seine Seminare und Workshops besuchten, und nicht zuletzt jene, die seine Bücher verschlungen haben, sind Zeugnis genug. Auch der wahrscheinlich erste spezialisierte Laufshop geht auf Galloway zurück: Schon 1973 gründete er in Tallahassee einen Laden nur für Läufer unter dem Namen „Phidippides“ nach dem legendären Boten, der 42 km von Marathon nach Athen lief, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Jeff Galloway ist in diesem Jahr 70 geworden. Anlass für ihn, seinen 200. Marathon zu laufen – es wird wohl nicht der letzte gewesen sein.

Jogging als einfachste Möglichkeit, fit und gesund zu bleiben

Neben der theoretischen Vorarbeit der genannten Koryphäen waren es einige Athleten, die durch ihre sportlichen Erfolge als Vorbild und Motivation für eine ganze Generation dienten. Das Motiv, mit dem Laufen zu beginnen, war dabei nicht unbedingt, eine Topleistung zu erreichen – Jogging gilt bis heute vor allem auch als Ausgleich zum Job und die einfachste Möglichkeit, fit und gesund zu bleiben. Allen voran einer, der es in etwas mehr als zwei Stunden schaffte, eine Menge Leute fürs Laufen zu begeistern. Der Sieg beim olympischen Marathon in München 1972 krönte für Frank Shorter seine ohnehin erfolgreiche Läuferkarriere. Für die Amerikaner war er ein Held und für viele Grund genug, ebenfalls mit dem Laufen anzufangen. Auch seine Niederlage vier Jahre später gegen Waldemar Cierpinski tat seiner Popularität keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Kein US-Amerikaner hatte es bis dahin geschafft, zwei Medaillen im Marathonlauf zu gewinnen. Shorter gilt als einer der Katalysatoren des Laufbooms. Laufen als Freizeitsport zu etablieren, das ist einer seiner ganz großen Verdienste – durch sein vorbildliches sportliches Verhalten, aber auch später durch seine vielen Vorträge und Seminare.

Bereits 1967 rückte Kathy Switzer mit ihrer – damals noch nicht erlaubten – Teilnahme am Boston Marathon den Langstreckenlauf von Frauen in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Sie und die überragende Joan Benoit, die ab Ende der 70er-Jahre den Marathon beherrschte, sorgten dafür, dass Frauen die aufkommende Laufbewegung aktiv mitgestalteten. Vor allem Joan, die erste Marathon-Olympiasiegerin Von Goyk (talk). Original uploader was Goyk at en.wikipedia überhaupt, zeigte durch ihre Leistungen, dass Dr. van Aaken recht behalten sollte: Frauen sind für den Langstreckenlauf prädestiniert. Joans Bestzeit von 2:21,21 Std. (1985) wäre auch heute noch gut für eine Topplatzierung im Frauenmarathon. Die ebenso große Leistung beider Läuferinnen liegt in ihrem unermüdlichen Einsatz, Frauen zum Laufen zu motivieren. Die Entwicklung der Teilnehmerinnenzahlen bei Laufveranstaltungen zeigt, dass ihre zahllosen Vorträge, Seminare und die Organisation von Frauenläufen auf fruchtbaren Boden gefallen sind.